Walter Moroder
∗1963, Italy
lives and work in Ortisei, Italy
Wer einmal eine Skulptur von Walter Moroder gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen: der Künstler erschafft Figuren von graziler Erscheinung, sie strahlen eine Zartheit und Würde aus, deren Intensität man sich kaum entziehen kann. Schlanke, überwiegend weibliche Figuren charakterisieren sein bildhauerisches Werk. Sie sind lebensgroß und von reduzierter Form, sehr aufrecht und schmal, eher statisch in der Haltung. Moroder bevorzugt Zirbelkiefer, die Figuren sind meist bemalt, die Augen aus Glas. In der Rezeption seiner Arbeit wird betont, dass die lebensgroßen Skulpturen bei aller Modernität handwerklich in der Tradition der Schnitzkunst Südtirols stehen, gleichzeitig aber an die Formensprache altägyptischer Bildkunst erinnern. Moroder erschafft einfühlsame geistreiche Porträts, empfindsam und verletzlich, gleichzeitig unnahbar und abwesend, die Züge gesammelt und doch nicht angespannt, archaisch und doch modern, auratisch und zeitlos. All das wird der Betrachter in der Fußgängerzone nicht sehen. Die Arbeit von Walter Moroder überrascht. Die Frauenfiguren sind zu seinem „Markenzeichen“ geworden, und doch er hat der Versuchung widerstanden, diese für den öffentlichen Raum zu adaptieren. Ein geschnitzter Holzakt aus dem Jahr 1985 (eine Akademiearbeit) wurde in eine Verschalung gelegt und in dunkelgrauen Beton eingegossen, sodass von der Skulptur nichts mehr zu sehen ist. Zeitgleich goss er einen exakt gleichen Betonblock ohne Skulptur im Inneren. Beide Blöcke, in großer Perfektion bearbeitet, sind in der Fußgängerzone zu sehen, der Betrachter bleibt im Unklaren darüber, in welchem der beiden sich die Holzskulptur verbirgt. Die vier Tonnen schweren Monolithe haben etwas Unverwüstliches, Kunstvandale werden es mit ihnen schwer haben – ein Gedanke, der bei der Konzeption der Arbeit durchaus eine Rolle gespielt hat. Beton wurde auch deshalb ganz bewusst gewählt, da dieses (Bau-)Material einen starken Bezug zum Grödnertal aufweist. Moroder lässt die Skulptur verschwinden und dennoch präsent erschienen, sie ist vorhanden, ja für die Ewigkeit konserviert, gleichzeitig aber bleibt sie dem Auge verborgen. Die Arbeit ist eine wunderbare Reflexion über den kreativen Schaffensprozess (natürlich man muss an Michelangelo Ausspruch denken, die Skulptur sei schon da, man muss sie nur erkennen und freilegen) und über die eigene künstlerische Entwicklung (der Blick auf eine Arbeit aus 1985 mit den Augen von 2012).