Simone Fattal

∗1942, Damascus

Simone Fattals künstlerische Praxis, die die Genres Malerei, Skulptur, Collage, Bücher und Publikationen umfasst, ist ebenso stark von der klassischen Bildhauerei, der Mythologie und archaischen Formen geprägt wie von historischen und zeitgenössischen Ereignissen. Auf der Flucht vor dem Libanesischen Bürgerkrieg ließ sich Fattal in den Achtzigern in Kalifornien nieder, wo sie den unabhängigen Verlag Post-Apollo Press gründete, um unabhängige Dichtung und Prosa zu verbreiten, unter anderem Etel Adnans Werke. Erst als Fattal sich am Art Institute of San Francisco einschrieb, begann sie mit Keramik zu arbeiten, einem Medium, das sie ihr gesamtes künstlerisches Schaffen hindurch bis heute begleitet. Manchmal beziehen ihre Figuren aus Stein und Lehm ihre Inspiration aus Kindheitsbesuchen an archäologischen Fundstellen. Stets jedoch sind sie durchdrungen von einem klaren Bewusstsein davon, was es heißt, in den chaotischen und komplexen politischen Realitäten unserer Zeit zu leben. Spuren der wiederholten Bearbeitung, der Berührung der Künstlerin, ihrer Finger und des ausgeübten Drucks sind in Fattals lehmbasierten Kunstwerken, die oft zwischen Abstraktion 114 Simone Fattal 115 Simone Fattal und anthropomorpher Figuration oszillieren, allgegenwärtig. In Etel Adnans Worten: „Als Simone Fattal ihren ersten Klumpen Lehm vor sich hatte, zögerte sie nicht. Ihre Finger, d. h. die tiefsten Kräfte ihres Geistes, formten aus dieser schlammigen Masse eine stehende Person. Es war ein Akt der Schöpfung. Sie fand augenblicklich ihre Welt. Auf einen Streich erschuf sie den ersten Menschen prähistorischer Zeiten neu und sie erschuf ihn als stehende Figur. Sie schuf kein Objekt, sondern ein Anschwellen, eine Bewegung, eine essenzielle Bewegung, jene, die die menschliche Spezies von der Tierwelt trennt, die ihr aber zugleich verwandt ist.“ Für Biennale Gherdëina ∞ haben wir eine dieser stehenden Figuren aus der Serie Wounded Warrior ausgewählt, die exemplarisch für die Art und Weise steht, wie die Künstlerin die Frage zu stellen scheint, welche die kleinstmöglichen Gesten sind, damit ein Klumpen Lehm lebendig wird, Persönlichkeit und Präsenz erhält. In den Worten der Künstlerin: „Mit Lehm ist ein Werkstück immer lebendig.“ Im Kontext von Persones Persons kommt Fattals Skulptur die Aufgabe zu, tiefgreifende Fragen zum vitalistischen Antrieb der Kunst selbst zu stellen, zum potenziellen Belebungsritual, das der Begegnung zwischen Berührung der Künstlerin, Material und Geschichte innewohnt, einer Begegnung, die eine geisterhafte, pulsierende Spur in der nachfolgenden Begegnung mit dem Kunstwerk hinterlässt. Krieg und Chaos stellt Fattal in ihren Werken eine Politik des Lebens und der Beseelung gegenüber. Oder wie sie es selbst ausdrückt: „Leben ist stärker als Krieg. Und Liebe ist stärker als Tod.“

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