Lin May Saeed

∗1973, Germany
† 2023, Berlin

Lin May Saeed wurde 1973 in einer Familie mit deutsch-jüdischen Wurzeln mütterlicherseits und einem irakischen Vater geboren. Ihre künstlerische Forschung war geprägt von einer großen Empathie mit der Tierwelt, und von dem Streben nach Überwindung des Konflikts zwischen den Menschen und anderen Spezies . Sie erforschte Möglichkeiten der Verringerung von negativen Auswirkungen unserer gesellschaftlichen Handlungen auf das ökologische Gleichgewicht , und stellte sich eine utopische Zukunft der Koexistenz vor, die frei von den Prinzipien derAusbeutung und des Missbrauchs ist. Indem sie sich stets für den Schutz der Tiere einsetzte, verzichtete die Künstlerin in ihren „Werken der Hoffnung“ - wie sie sie selbst nannte - jedoch auf jegliche Darstellung von Leiden, genauso wie auf eine offene Anprangerung menschlichenVerhaltens, und griff vielmehr auf Bilder der Freundschaft, der Begegnung und Versöhnung zwischen den verschiedenen Arten zurück. Ein besonderes Merkmal ihrer Forschung war die Abwesenheit von moralischen Urteilen und eine Haltung der Empathie, die ihre anmutigen Werke durchdringt. Ihre Praxis reichte vonder Skulptur bis zum Flachrelief, von der Zeichnung bis zum Scherenschnitt, und konzentrierte sich auf die Herstellung von Werken, die von Tieren unterschiedlicher geografischer Herkunft und menschlichen Figuren bevölkert werden, die Geschichten, Fabeln und Mythen aus dem alten Mesopotamien - wie dem Gilgamesch-Epos - oder aus der christlichen und islamischen Tradition - wie derLegende der Sieben Schläfer von Ephesus - entnommen sind. Aus diesen Quellen schöpfte Lin May Saeed kultur- und speziesübergreifende Erzählungen und begab sich auf eine Zeitreise durch die Geschichte, um eine alternative gemeinsameZukunft zu entwerfen. Der Ansatz, der ihre künstlerische Forschung begleitete, hinterfragt die Richtung, die die Menschheit eingeschlagen hat, nachdem sie sich von den Tieren trennte und begann, diese als etwas anderes und Minderwertiges wahrzunehmen, das ausgebeutet und misshandelt werden kann. Und ihre Arbeit zielte immer darauf ab, den Menschen eine neue Sensibilität und einneues Bewusstsein zu vermitteln, das es ihnen ermöglicht, eine friedliche und respektvolle Beziehung zu anderen Lebewesen aufzubauen, um so eine Art neueIkonographie der Solidarität zwischen den Arten zu schaffen.

Das bevorzugte Material für ihre Skulpturen und Flachreliefs ist Polystyrol, das dieKünstlerin während ihres Studiums entdeckte, und das nie aufgab, wobei sie stets auf gefundene oder übrig gebliebene Reste von Baustellen zurückgriff. May Saeed war sich bewusst, dass der Hauptbestandteil von Styropor aus Erdöl gewonnen wird, und glaubte fest daran, dass dieses Material etwas über die Gegenwart und die menschliche Fehlbarkeit aussagen könne. Gleichzeitig schätzt sie seine Eigenschaftenwie Leichtigkeit und Handhabbarkeit, die es ihr ermöglichten, auch bei großenProjekten völlig unabhängig zu arbeiten. Ihre Reliefs und skulpturalen Gruppen in der Ausstellung sind aus Polystyrol gefertigt. Das Relief als künstlerische Form spielt in der Praxis von Lin May Saeed eine zentrale Rolle: Es zieht sich durch ihr gesamtesWerk, sowohl in Verbindung mit ihren Skulpturen als auch mit ihren Malereien. In ihren Reliefs sind Tiere oft die Protagonisten der Szene oder teilen sich den Raum mit den Menschen in Momenten wiederentdeckter Geselligkeit.Die Künstlerin arbeitete auch mit Papier und schuf großformatige Zeichnungen und Scherenschnitte, die Saeed als „Silhouetten“ bezeichnete und sich dabei auf die deutsche Regisseurin Lotte Reiniger bezog, die Animationsfilme mit hinterleuchtetem, geformtem Papier schuf. Saeed selbst verwendetTransparentpapier in verschiedenen Farben und schwarzen Karton für ihre großformatigen hinter leuchteten „Wandbilder“.Schließlich arbeitete Saeed mit Eisen, wie bei der Herstellung ihrer Serie der „Gates“:große Eisentüren, von denen die meisten jenen Moment darstellen, in dem Tiere vonAktivist*innen befreit werden, die sich für die Verteidigung der Tierrechte einsetzen.Im Rahmen der neunten Ausgabe der Biennale Gherdëina und in Verbindung mit dem Projekt Thinking Like a Mountain, das von der GAMeC unter der künstlerischen Leitung von Lorenzo Giusti konzipiert wurde, wird die Retrospektive von Lin May Saeed zeitgleich in Bergamo und in St. Ulrich gezeigt. Durch diesePräsentation an zwei Orten wird ein umfassender Überblick über das Werk der 2023verstorbenen Künstlerin geboten.

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