Yesmine Ben Khelil
∗1986, Tunisia
Yesmine Ben Khelil setzt sich anhand von Zeichnungen, Collagenund Diagrammen mit der Kolonialgeschichte Tunesiens auseinander.Dabei konzentriert sie sich vor allem auf die botanischen Abbildungen beiwissenschaftlichen Texten und die Art und Weise, wie diese scheinbar “neutralen”Materialien verwendet wurden, um im Dienste der Kolonialmächte eine eindeutigeErzählung zu konstruieren. Indem die Künstlerin die Beziehung zwischen Wissenund Darstellung in Frage stellt, stellt sie neue Konstrukte aus Bildern undArtefakten her, die eine alternative Geschichte zur offiziellen erzählen. Anlässlichder Biennale Gherdëina hat die Künstlerin drei ausgeschnittene Papptafelnbemalt, die von einem tunesischen Sprichwort inspiriert sind: “Glaubst du, dieErde liegt auf deinen Hörnern?”, einem Ausdruck, der die Eitelkeit eines Menschenausdrücken soll und auf einen alten Volksglauben zurückgeht, der sich die Erde aufden Hörnern eines Stiers vorstellt. Die Geschichte ist mit dem Namen des Berges verbunden, den die Künstlerin jeden Tag von ihrem Fenster aus sieht, dem DjebelBoukornine, dem “Berg mit den zwei Hörnern”, einem Massiv mit zwei Gipfeln,das den Golf von Tunis überragt. Von den Puniern Baal Qarnaïm genannt, d. h.der “Gott mit den zwei Hörnern”, befand sich hier ein antikes Heiligtum, das dieserGottheit gewidmet war, deren Attribut der Stier ist, der eines der Opfer darstellte.Dies wurde 1891 durch die Studien des französischen Archäologen Jules Toutainbestätigt, dessen Funde im Louvre in Paris zu sehen sind. “Durch die Geschichteeines Gottes, der in einem Berg mit zwei Hörnern wiedergeboren wird, durch dieMenschen, die im Laufe der Jahrhunderte auf seinem Gipfel Stiere geopfert haben,und durch die Marmorartefakte, die sorgfältig in einem europäischen Museumaufbewahrt werden, möchte ich die Wiedergeburt einer Welt vermitteln, in derdas Nicht-Menschliche und seine Unbestimmtheit gefeiert werden, und einen Wegfinden, damit eine Welt des Mythos und der Legende innerhalb der Welt, in der wirleben, existieren kann, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und alles umihn herum als zu seiner Verfügung stehend betrachtet.“
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