Judith Neunhäuserer

∗1990, Italy

Judith Neunhäuserer (1990 in Bruneck, Italien) lebt und arbeitet zwischen München und Mailand. Ihre multimediale Praxis ist von ihrem Studium der Religionswissenschaft geprägt, durch deren Linse sie Weltbildungsprozesse in den Wissenschaften beobachtet. Sie beschäftigt sich mit der gegenseitigen Durchdringung von Entzauberung und wissenschaftlicher Mythologie, mit historischen und zeitgenössischen Symbolsystemen, mit erkenntnisreichen Träumen sowie holistischen Modellen. Eine zentrale Frage ihrer Arbeit betrifft das Verständnis von „Natur“, welches zugleich immer auch die Position des Menschen innerhalb der jeweiligen Kosmologie bestimmt. 

Neunhäuserer hat an Artist Residencies in urbanen Zentren wie London, Paris und Gwangju teilgenommen und war bei wissenschaftlichen Expeditionen in die Antarktis, nach Svalbard und über den Atlantik hinweg dabei. Derzeit wendet sie sich verstärkt Geschichten aus dem Alpenraum zu, aus dem sie selbst stammt. Ihre künstlerische Forschung, die sich vor allem in skulpturalen, installativen oder videobasierten Arbeiten manifestiert, wird von Vorträgen und Publikationen begleitet. 

Einerseits arbeitet Judith Neunhäuserer mit langlebigen Materialien wie Stein, Metall und Glas, die sie als Teile von relationalen Feldern in ständiger Transformation zeigt. Andererseits setzt sich die textbasierte Dimension ihrer Arbeit mit akademischen Traditionen der Wissensproduktion auseinander: Indem deren metaphorischer und fragmentarischer Charakter hervorgehoben wird, hinterfragt sie die Autorität von Archiven, macht die politischen Aspekte von Wissenschaft sichtbar und plädiert für Verantwortungsübernahme in der Forschung. 

Entlang des Weges Nr. 15 zum Pilat präsentiert Neunhäuserer eine verteilt angeordnete Installation aus über 200 hängenden Glaselementen. Eine unvollständige Sammlung hängt an den Bäumen und lädt zum Entdecken ein. Die Fragmente bilden eine subtile Präsenz, die sich nur schwer fassen lässt und die sich allmählich als Unterbrechungen im Wald abzeichnet. Jeder Splitter wurde durch Wegnahme beschichtet und beschriftet: Zerkratzte Texte und Zeichnungen werden transparent, ihre Sichtbarkeit verändert sich durch Licht, Wetter und die Dichte des Hintergrunds.
Das Werk bezieht sich auf Laura und Enrico Fermi, die den Sommer 1926 im Grödnertal verbrachten und deren spätere Rolle in der Geschichte der Kernenergie einen ambivalenten Schatten wirft. Ausgehend von Lauras Schriften verwebt Neunhäuserer persönliche Erzählung, wissenschaftlichen Diskurs und ethische Fragen in Kriegszeiten. Bilder von Kernspaltung, Strahlung und dem Atompilz über Hiroshima stehen im Kontrast zur Vorstellung des Waldes als Zufluchtsort. Die Installation entwirft einen „gewalttätigen Garten“, in dem Wissen, Macht und Folgen zusammenlaufen und der Begriff der Zuflucht in Frage gestellt wird.

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