Walter Niedermayr
∗1952, Italy
Walter Niedermayr (1952, Bozen, Italien) lebt und arbeitet in Südtirol. Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen italienischen Fotografen. Seine künstlerische Vision setzt sich auf einzigartige Weise mit Raum auseinander, sei es Architektur oder Landschaft. Dabei versteht er Raum als einen vom Menschen besetzten Ort, der Lebensmuster, Erzählungen und Geschichten ans Licht bringt, die sich in ihm entfalten.Neben seiner fotografischen Arbeit realisiert Niedermayr auch Videoarbeiten. Während seine Fotografien ein potenzielles Gefühl von Dynamik betonen, scheinen in seinen Videos die Unbeweglichkeit der Kamera und die Starrheit der Bildkomposition Orte und Situationen in Raum und Zeit einzufrieren.
Niedermayrs Beitrag zur Biennale, der an zwei Standorten präsentiert wird, entfaltet sich als nachhaltige Reflexion über Koexistenz, räumliche Verantwortung und die fragilen Architekturen des Gemeinschaftslebens.
In einer ehemaligen landwirtschaftlichen Scheune in St. Christina ist sein fortlaufendes Fotoprojekt Koexistenzen als bewusst offene und nicht-hierarchische Anordnung installiert. Fotografien lehnen an Wänden, hängen in unterschiedlichen Höhen oder nehmen Übergangspositionen im Raum ein und widersetzen sich so der Starre einer konventionellen Ausstellungspräsentation. Diese räumliche Strategie spiegelt das Thema der Arbeit selbst wider: die historischen und zeitgenössischen Realitäten alpiner Gemeinschaften, die durch gemeinschaftliches Eigentum und kollektive Selbstverwaltung geprägt sind. Im Fleimstal und den umliegenden Regionen, in denen sich italienische, deutsche und ladinische Kulturen überschneiden, erscheint der Begriff der „Gemeingüter“ nicht als idealisiertes Modell, sondern als gelebter und ausgehandelter Zustand, der sowohl Kontinuität als auch Spannungen hervorbringt.
Die zweite im Museum Gherdëina präsentierte Arbeit erweitert diese Untersuchung auf einen deutlich anderen Kontext. In Zusammenarbeit mit Marina Ballo Charmet entwickelte Niedermayr die Zweikanal-Videoinstallation Casanza (2022), die im Frauengefängnis auf der Insel Giudecca in Venedig gedreht wurde. Im Mittelpunkt steht ein großer, gepflegter Garten, der von Insassinnen gemeinsam mit Mitarbeitern der Genossenschaft und Freiwilligen bewirtschaftet wird. Die Kamera nimmt eine zurückhaltende, beobachtende Haltung ein, sodass sich alltägliche Abläufe – Pflanzen, Pflegen, sich im Raum bewegen – ohne narrative Vorgaben entfalten können. Was bedeutet es für Frauen, in einer Einrichtung inhaftiert zu sein, die von Räumen für Bewegung, Kreativität, Offenheit, der Arbeit mit der Natur und dem Land, von Kommunikation und vielem mehr geprägt ist? Können inhaftierte Frauen durch ihre Beziehung zur Natur – indem sie sich um sie kümmern und sie pflegen – Momente der Möglichkeit und neue Perspektiven schaffen, die über die Bedingungen der Haft hinausgehen?